Fachagentur Nachwachsende RohstoffeEin Projektträger des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft

 

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Bestimmung eines bislang nicht bekannten Schadpilzes auf Arzneikamille - Rhexocercosporidium sp. nov. kann Ertrag deutlich mindern

Bis Anfang der 2000er Jahre galt die Kamille (Matricaria chamomilla) als vergleichsweise gesunde und unproblematische Kultur. Mit rund 1.100 Hektar Anbaufläche zählt sie zu den wirtschaftlich bedeutendsten Arzneipflanzen in Deutschland. Der Anbauschwerpunkt liegt mit über 90 % der Fläche in Thüringen. Ab 2007 beobachteten Landwirte dort zunehmend neue Krankheitssymptome an ihren Beständen, die massive Schäden verursachten. Auch in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Sachsen kam es zu Erkrankungen, wenn auch weniger ausgeprägt. Das Schadbild im Frühjahr ähnelt mit Verbräunungen an den Fiederblättern Auswinterungsschäden. Im Verlauf der Vegetation können schließlich die kompletten Pflanzen betroffen sein. Eine 2. und 3. Pflücke, die früher in der Kamille üblich war, ist dann unmöglich. Eine erste Ursachenforschung zeigte, dass am Krankheitsgeschehen offenbar mehrere pilzliche und tierische Erreger beteiligt sind, darunter ein bislang unbekannter Pilz. Dessen Bestimmung gelang nun in einem Forschungsprojekt des Julius Kühn-Instituts (JKI). Gefördert wurde das Vorhaben durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über den Projektträger Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR). In molekularbiologischen Untersuchungen an Reinkulturen des unbekannten Pilzes konnten die JKI-Forscher diesen eindeutig als eine Art der Gattung Rhexocercosporidium bestimmen. Sie gaben ihm zunächst den Namen Rhexocercosporidium species nova und hinterlegten Isolate des Erregers in der Pathogenbank des Instituts für Gartenbau und Forst am JKI. Die Bestimmung des Pilzes ist eine Voraussetzung für seine Bekämpfung: Sie ist erforderlich für die Identifikation geeigneter Pflanzenschutzmittel und für die Züchtung resistenter Sorten. Gerade in der Züchtung schlummert Lösungspotenzial, denn erste Untersuchungen im Vorhaben zeigten, dass die herkömmliche Sorte Mabamille anfällig für Pilzinfektionen ist.

Neben Rhexocercosporidium sind in Thüringer Kamillebeständen bereits bekannte Pilze wie Echter und Falscher Mehltau und Septoria matricariae nachweisbar, des weiteren tierische Schädlinge. Hinzu kommt das Klima mit immer häufigeren Trockenperioden gerade auch im Frühjahr. Diese Faktoren beeinflussen sich vermutlich zum Teil gegenseitig und können auch das Auftreten von Rhexocercosporidium begünstigen. Im JKI-Projekt wurden Versuche zur Infektion mit Rhexocercosporidium sp. nov. unter Trockenstress durchgeführt, dabei zeigten sich deutlich Symptome der Infektion, der Nachweis des Pilzes unter dem Mikroskop gelang jedoch nicht, da dieser erst anhand seiner Sporenlager mikroskopisch eindeutig erkennbar ist. Hier bedarf es noch einer verbesserten Diagnostik. Weiterer Hinweis auf das komplexe Zusammenspiel der Erreger: Falscher Mehltau trat in Thüringen ab 2017 vor allem an den Blütenblättern von Kamille auf, in der Literatur wird hingegen beschrieben, dass er die Fiederblätter befällt. Es ist durchaus möglich, dass der neue Pilz diese Verlagerung verursacht hat.

Eine Frühjahrs- statt Herbstaussaat kann den Befall mit den beschriebenen Krankheitserregern deutlich mindern, ist aufgrund der Frühjahrstrockenheit jedoch für die Betriebe keine Option. In Versuchen zum Pflanzenschutz konnte bei starkem Befallsdruck mit Rhexocercosporidium der Einsatz vor allem von Elatus Era und Folicur helfen, Ertragsausfälle zu begrenzen. Hier ergeben sich vielversprechende Anknüpfungspunkte für weitere Versuche mit dem Ziel, im Rahmen der Lückenindikation geeignete Mittel zuzulassen.

Um die Krankheitssituation in der Kamille insgesamt in den Griff zu bekommen, empfehlen die Forscher gerade in den Regionen mit konzentriertem und großflächigem Kamilleanbau ergänzende Maßnahmen in den Bereichen Fruchtfolge und Anbaupausen.

Nicht nur pilzliche Krankheiten setzen der Kamille zu. Im Thüringer Anbaugebiet konnte in zwei Regionen auf nahezu allen Flächen der Befall mit dem runzligen Kamillekleinrüssler Microplontus rugulosus nachgewiesen werden. Microplontus r. schwächt die Pflanzen und verhindert ebenfalls häufig die mehrfache Beerntung. Durch die ständige Verfügbarkeit seiner Wirtspflanze konnte M. rugulosus ausgesprochen große Populationen aufbauen und wird auch künftig im Anbaugebiet vorkommen. Um den Kamillenanbau in Thüringen zu stabilisieren, sind direkte Regulationsmaßnahmen und die Weiterentwicklung von integrierten Pflanzenschutzstrategien notwendig, schlussfolgern die Forscher.

Der Abschlussbericht zum Vorhaben „Erkrankungen im Kamilleanbau – Erforschung der Ursachen und erste Lösungsansätze zur Bekämpfung“ steht auf www.fnr.de - Projektförderung in der Projektdatenbank unter dem Förderkennzeichen 22021213 zur Verfügung.

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Pressekontakt:

Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V.
Nicole Paul
Tel.:       +49 3843 6930-142
Mail:       n.paul(bei)fnr.de

News 2021-05

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Bild 1 - Katja Sommerfeld
Bild 2 - Julius Kühn-Institut

 

Krankheitssymptome von Rhexocercosporidium sp. nov. Foto: Katja Sommerfeld

Krankheitssymptome von Rhexocercosporidium sp. nov. Foto: Katja Sommerfeld

Runzliger Kamillekleinrüssler Microplontus rugulosus. Foto: Julius Kühn-Institut

Runzliger Kamillekleinrüssler Microplontus rugulosus. Foto: Julius Kühn-Institut

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